Waren Sie schonmal in einem Service-Chat?

Ich hätte es auch vermieden. Nur nimmt man den blutigen Kampf, hat man sich auf die Fahnen geschrieben, einer Bitte seiner Mama nachzukommen, auch gegen die Servicewüstenkrieger des Mobilfunks auf. Leider habe ich hierfür diesmal keine M1 Abrams-Kampfpanzer mit Luftunterstützung oder wenigstens die UNO.

Dafür aber den Willen, aus Prinzip schon hinterfragend in Kontakt mit dem hier namentlich verschwiegenen Konzern zu treten.

Phase 1 – das verlässliche Telefongespräch

Jeder denkende Mensch vertritt durchaus seinen Standpunkt – doch gewährt dem Gegenüber, seine Gedanken ebenfalls zur Sprache zu bringen. Insofern kann ein Dialog am Telefon zuverlässig für Anstoß sorgen. Dem personal-psychologischen Thinktank eines Konzerns ist dies geläufig.

Und deshalb wird massiv abgeblockt: der einzige Weg zur telefonischen Kontaktaufnahme führt über eine 0900er-Rufnummer, die in jedem WhiteTrashPalace-Durchschnittsbürger („Ihr Kredit ohne Schufa ist nur einen Klick entfernt“ - Werbezitat auf hochbesuchter Finanz-Website) ein finanziell überbelastendes Gefühl auslöst.

Kostenpunkt 2,99 EUR pro Minute ein schonungslos bezugsfreier Deal. Ist kein Deal.

Phase 2 – Internetrecherche

Natürlich ist unsere Umwelt in einem Zustand angekommen, in dem bereits Öffnungszeiten des Backwarenherstellers terminlich abgeglichen werden müssen und Google hier seinen wachsenden Beitrag leistet. Daher liegt es nahe, auch die werbe verseuchte Internet-Präsenz des diktatorischen Mobilfunkanbieters heimzusuchen und Informationen einzufordern.

So gelange ich schnell an eine altmodische Telefonnummer mit der vertrauensbildenden Ortsvorwahl.

Wähle ich diese – es ist inzwischen nach 17:00 Uhr, die Mitarbeiter niedrigen Lohnniveaus haben die kalten Hallen verlassen und gestalten ihren Feierabend – spielt mir ein Tonband zunächst den Jingle vor, der sich dank einer überbezahlten Kreativagentur in besonders viele Hirne brennen soll. Unterbewusst will ich alle Produkte sofort bestellen. Zum Glück macht das Ausbleiben jeglicher vertriebsfördernder Maßnahmen sämtliche Illusionen von einem nachhaltigen Versorger zunichte. Nicht mal ein Sprachwahlmenü empfängt sexuell verirrte Hotline-Fanatisten.

Phase 3 – Über Jahrhunderte erprobt: Brieftaube 2.0

Danke, Herr D’Avis. Sie haben recht. Warum auch sollte man einem händisch niedergeschrieben Text keine Beachtung schenken oder diesen gar fehlinterpretieren? Nur wegen der schlechten Körpersprache in einem notgetriebenen Imagevideo?

-FORTSETUNG FOLGT-

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Der White Trash Palace öffnet seine Pforten

White Trash. Eine werbebeinflusste, fremdkonditionierte untere Gesellschaftsschicht mit dem Hang zu exessiver Talkshow- und Fastfoodkultur? Vielleicht.

Der White Trash, erstmals in den USA als Begriff geprägt, repräsentiert per Definition das menschliche Abfallprodukt unserer globalisierten Konsumgesellschaft. Doch geht mit dem sozialen Abstieg und der damit oft assoziierten geistigen Stagnation auch zwangsweise ein Werteverfall einher? Oder sprechen wir hier von den Vorreitern einer nahenden aufklärerischen Revolution? Ruht hier ein ungeahntes Potential an Menschlichkeit?

Whitetrashpalace.com soll polarisieren. Es soll zur Diskussion anregen, aufreizen, einladen. Es soll die innere Auseinandersetzung mit Themen beflügeln, die sich selten in der Kaffeepause zwischen Entrepreneurtreffen und Golfturnier ansiedeln, geschweige denn anbieten.

Es soll als Plattform dazu auffordern, Tabubrüche salonfähig zu machen. Und das Internet als Meinungsmedium wiedermals an Individualität bereichern.

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